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"Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis. Studie zur aktuellen Situation aus linguistischer, phoniatrisch-psycholinguistischer und juristischer Perspektive."

Im Rahmen der Ausschreibung "Geschlecht - Macht - Wissen" des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur wurde u.a. das Projekt "Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis. Studie zur aktuellen Situation aus linguistischer, phoniatrisch-psycholinguistischer und juristischer Perspektive." von Prof. Dr. phil. Gabriele Diewald (Deutsches Seminar, Leibniz Universität) in Kooperation mit Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Ptok (Phoniatrie und Pädaudiologie, Medizinische Hochschule Hannover) und Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, LL.M. (Juristische Fakultät, Leibniz Universität) ausgewählt.

 

Zusammenfassung des Antrags:

Menschliche Sprache ist sowohl das Resultat der Gesamtheit der Konzeptualisierung der Sprachgemein­schaft (Spiegel des Geistes) als auch das Muster und Instrument für weitere Konzeptionen der Wirklich­keit. Anders formuliert: Sprache ist vom Denken geprägt und Sprache prägt das Denken. Zugleich ist Sprache die Grundlage jeglicher gesellschaftlicher Interaktion. Sie prägt gleichermaßen die Konstitution und (Selbst-)Definition des Individuums wie auch der Gesellschaft. Damit sind die Sprache und ihr Ge­brauch ein entscheidender Faktor für die Realisierung von Gleichstellungsbemühungen, wobei insbeson­dere der Personenreferenz (in Anreden, Selbstbezeichnungen und Drittbezeichnungen) inklusive des großen Bereichs der Amts- und Berufsbezeichnungen zentrale Bedeutung zukommt (siehe Braun 1998, Castillo Díaz 2004, Hornscheidt 2006, Moser 2008, Hubacher 2009).

 

Die Erkenntnis der Wichtigkeit von Sprachfragen für die Gleichstellung findet ihren Niederschlag in Gesetzen und Verordnungen – beispielgebend ist das Niedersächsische Gesetz zur Förderung der Gleichstellung der Frau in der Rechts- und Verwaltungssprache (Nds. GV. 1989, S. 50) – sowie in einer großen Zahl praxisbezogener Empfehlungen verschiedenster Institutionen. Jedoch lässt sich beobachten, dass zwischen dem erklärten öffentlichen Willen und der Umsetzung in die Lebenswirklichkeit eine Diskrepanz besteht, die die Gefahr birgt, die bereits erzielten Erfolge der Gleichstellungspolitik zu minimieren. Diese Diskrepanz ist mehreren Faktoren geschuldet. Zum einen entsteht sie aus der (meist) geringen linguistischen Differenziertheit der Vorschläge zum gender­gerechten Sprachgebrauch und daraus resultierend ihrer geringen praktischen Handhabbarkeit. Zum anderen werden oft aufgrund ideologischer oder wertebasierter Abwehrreaktionen gegenüber sprachlichen Veränderungen alle Versuche zur Herstellung gendergerechten Sprachgebrauchs als destruktiver und illegitimer Eingriff in die Sprache deklariert (z.B. Thurner 2013). Drittens spielt die im Tonfall häufig überschießende Behandlung des Themas in den Medien eine wenig förderliche Rolle. Die hier nicht selten geäußerte Meinung, dass der Stellenwert der Sprache für die Durchsetzung der Gleichstellung unwesentlich und daher die Bemühungen um gendergerechte Sprache überflüssig, wenn nicht gar lächerlich seien („Feministinnen fordern Bürgerinnensteige“), verkennt, dass bereits ab der frühen Kindheit bei Verwendung sprachlicher Zeichen eben nicht nur die unmittelbar zuzuordnende Bedeutung als Referenz auf die Realität, sondern auch assoziative Bedeutungen, Meinungen, Vorurteile etc. aktiviert werden. Schließlich ist zu bemerken, dass in letzter Zeit verstärkt juristische Dispute und Rechtsstreitigkeiten im Kontext der Umsetzung und Anwendung gesetzlicher Bestimmungen auftreten. Auch Diskussionen um die Rechtmäßigkeit der Sanktionierung bei Nichtbefolgung einschlägiger Vorgaben gewinnen an Bedeutung. So mehren sich studentische Klagen gegen Notenverschlechterung bei der Nichteinhaltung von Genderrichtlinien in Prüfungsarbeiten, was medial oft ein bewusst skandalisierendes Echo findet. Kurz: Zwischen dem gesamtgesellschaftlichen und gesetzgeberischen Willen zur Umsetzung geschlechtergerechter Sprache und deren Realisierung in der Praxis tut sich eine Kluft auf, die einerseits auf unrichtigen Annahmen bzw. unzureichendem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Öffentlichkeit basiert, die andererseits jedoch auf Lücken in der Forschung verweist. Diese betreffen die Interdependenzen von Sprachsystem und Sprachgebrauch, die Mechanismen der kognitiven Rezeption und Verarbeitung sprachlicher Strukturen sowie die Tatsache, dass die fachliche Durchdringung der juristischen Vorbedingungen für die Verwirklichung geschlechtergerechter Sprache sich noch in den Anfängen befindet.

 

Das vorliegende interdisziplinäre Projekt strebt an, diese Kluft zu schließen, indem es die Theorie und Praxis des geschlechtergerechten Umgangs mit Sprache aus linguistischer, phoniatrisch-psycho­linguistischer und juristischer Perspektive untersucht. Die globalen Ziele der Untersuchung sind i. den aktuellen Stand der Gleichstellungsbemühungen durch den Gebrauch gendergerechter Sprache (fokussiert auf Arten der Personenreferenz sowie Amts- und Berufsbezeichnungen) zu ermitteln und theoretisch zu reflektieren, ii. mit gezielten fachspezifischen und interdisziplinären Forschungsfragen neue, weiterführende Erkenntnisse zu gewinnen und iii. diese in praxisorientierte Überlegungen zur Weiterentwicklung der Bemühungen um gendergerechte Sprache münden zu lassen.

 

Die beteiligten Disziplinen sind die germanistische Linguistik, die Medizin und die Rechtswissenschaft. Durch diese innovative interdisziplinäre Kooperation geisteswissenschaftlicher, naturwissenschaftlicher und gesellschaftswissenschaftlicher Fächer kann der Forschungsgegenstand in seinen relevanten Dimensionen – der linguistisch-semiotischen, der individual-kognitionsbiologischen und der gesellschaft­lich-normativen – vollständig erfasst werden. Das linguistische Teilprojekt untersucht Form und Gebrauch der Personenreferenz sowie der Amts- und Berufsbezeichnungen im Kontext geschlechtergerechter Sprache systemlinguistisch und unter dem Gesichtspunkt des Sprachwandels durch gesellschaftlich bewusst initiierten veränderten Sprach­gebrauch. Das phoniatrisch-psycholinguistische Teilprojekt erforscht experimentell bestimmte, bislang wenig beachtete psycholinguistische Effekte von unterschiedlichen Formen der Personenreferenz. Es untersucht relevante kognitionsbiologische Grundlagen, d.h. die individuellen Bedingungen der Verwendung von Sprache. Das juristische Teilprojekt befasst sich mit dem für Staat und Gesellschaft essentiellen Aspekt der normativen Regulierung einer bestimmten Sprachpraxis. Es widmet sich der Frage, welche Anforderungen von Verfassungs wegen (v.a. unter dem Gesichtspunkt des Diskriminierungsverbotes und des Gleichstellungsgebotes, Art. 3 Abs. 2 und Abs. 3 Satz 1 Grundgesetz; des Allgemeinen Persönlichkeitsgrundrechtes, Art. 2 Abs.1 iVm Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz; der Berufsfreiheit, Art. 12 Abs. 1 Grundgesetz; dem Recht auf Bildung, Art. 4 Abs. 1 Landesverfassung Niedersachsen) an den geschlechtergerechten Umgang mit Sprache namentlich in Texten und weiteren Visualisierungen sowohl der öffentlichen Hand als auch der Privatwirtschaft und ‑gesellschaft zu stellen sind, welche Konflikte sich aus den Anforderungen ergeben und wie sie behoben werden können. Ziel der rechtswissenschaftlichen Analyse ist die Erarbeitung konkreter Reformvorschläge.

 

Die Kooperation der drei beteiligten Disziplinen erlaubt somit die klassische dreigliedrige Strukturierung wissenschaftlicher Fragestellungen in Problembeschreibung (Linguistik: innersprachlich), Ursachen­forschung (Phoniatrie, Psycholinguistik: sprachnutzendes Individuum) und Identifizierung von Problem­auswirkungen (Rechtswissenschaft: Normierungen innerhalb der Sprachgemeinschaft). Diese Konzeption basiert – mutatis mutandis – auf den Unterscheidungen, die im semiotischen Dreieck nach Morris 1988 [1938] getroffen werden: Mit der Linguistik wird die „syntaktische“ Komponente (das Zeichen in Bezug zu anderen Zeichen, d.h. die sprachsystematischen Aspekte), mit der Kognitionsbiologie die „semantische“ Komponente (das Zeichen in Hinblick auf die Sinnkonstitution, d.h., auf mentale Konzepte der SprecherInnen) und mit der Rechtswissenschaft die „pragmatische“ Komponente (das Zeichen in seinem gesellschaftlichen, d.h. normativ strukturierten Gebrauch) systematisch erfasst.

 

Die drei Teilprojekte sind inhaltlich eng verflochten und arbeiten gemeinsam an zwei aufeinander bezo­genen Zielen, die in zwei Veröffentlichungen resultieren werden: i. eine interdisziplinäre wissenschaftliche Studie, ii. ein aus deren Resultaten abgeleiteter, d.h. interdisziplinär fundierter Empfehlungskatalog für die Praxis der besseren Umsetzung geschlechtergerechter Sprache. Darüber hinaus werden Anschluss­fragen ermittelt, die in Folgeanträgen an andere Förderinstitutionen münden sollen. Der Empfehlungs­katalog wird der Allgemeinheit zur Anwendung zur Verfügung gestellt. Unter dem Vorbehalt der Operationalisierbarkeit ist geplant, ausgewählte interessierte Stellen, z.B. Gleichstellungsbüros an Universitäten, bei einer Umsetzung der Empfehlungen zu beraten.

Die Organisationsstruktur des Projekts ist aufgrund der Ortsnähe und der relativ geringen Zahl der Be­teiligten flach gestaltet. Die drei Projektleitungen arbeiten inhaltlich eng zusammen, um die beiden ge­nannten interdisziplinären Publikationsvorhaben (wissenschaftliche Arbeit und praxisorientierter Empfeh­lungskatalog) durchzuführen. Zugleich ist für jedes der drei Teilprojekte eine Promotionsstelle vorgese­hen, die disziplininterne Forschungsfragen bearbeitet, die direkt in die interdisziplinäre Kooperation ein­gespeist werden. Die konkrete Abstimmung der Zusammenarbeit der drei Teilprojekte erfolgt durch regel­mäßige Arbeitstreffen und engen Datenaustausch. Die Organisation aller analogen und digitalen Kommu­nikationsprozesse wird durch eine (halbe) Koordinationsstelle durchgeführt, die am linguistischen Teil­projekt angesiedelt ist. Für Recherchearbeiten, die Verarbeitung empirischer und experimenteller Daten sowie für weitere Zuarbeiten werden jedem Projekt Hilfskraftstunden zugeordnet. Der wissenschaftliche Austausch mit externen Forscherinnen und Forschern wird durch eine Konferenz sichergestellt, die in der Mitte der Laufzeit des auf drei Jahre angelegten Projekts in Hannover stattfinden soll.